Von Nina Schütte- de Beek
Wenn sich ein weiteres Kind ankündigt, gehen die Gefühle erstmal auf AchterbahnFahrt:
Freude, Euphorie, und auch die Sorge: Werde ich das schaffen? Das Leben mit einem Kind füllt meinen Allag und mein Herz doch schon komplett. Wo findet da ein weiteres Baby Platz und Raum.
„Ich möchte meine Kinder gleichbehandeln.“
Ein Satz, den viele Eltern aus vollem Herzen sagen.
Und einer, der gleichzeitig unmöglich einzulösen ist.
Denn auch wenn Kinder in dieselbe Familie hineingeboren werden:
Sie wachsen nicht in derselben Situation auf. So viel wissen wir gesichert aus psychologischer Forschung diesem Bereich.
Mit jeder Geburt verändert sich etwas.
Die Eltern. Die Zeit. Die Energie. Die Lebensumstände.
Manchmal auch die Wohnung, der Job, die finanzielle Sicherheit oder das eigene Selbstvertrauen als Mutter oder Vater.
Und dann gibt es da noch einen weiteren Faktor, der leise mitwirkt- jedenfalls dachten wir das:
die Geburtenfolge.
In den letzten Jahrzehnten ist wissenschaftliche Forschung in der Entwicklungspsychologie stark davon ausgegangen, dass es eine große Rolle spielt, Der Individualpsychologe Alfred Adler war in den 1960er Jahren einer der Ersten, der beschrieb:
Kinder reagieren nicht nur auf ihre Eltern –
sondern auf ihre Position innerhalb der Familie.
Zumindest mein ganzes Studium hindurch zog sich die Beschäftigung mit Geschwisterforschung, die untersucht, inwieweit erst- zweit-oder letztgeborene Kinder sich voneinander unterscheiden.
Um es kurz zu machen: Aktuelle Studien ( Rohrer et al, 2015) weisen darauf hin, dass die Geburtenfolge für das einzelne Kind kaum oder gar keinen Einfluss auf die Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen hat. Damit sin die bisherigen Annahmen offensichtlich widerlegt! Zack.
So ist das eben mit Wissenschat- nichts ist für alle Zeiten richtig, sondern nur so lange, bis es widerlegt werden kann.
Die Persönlichkeitszuschreibungen von zum Beispiel Erstgeborenen als zielstrebigeren -und Nesthäkchen als Freigeistern werden sich vermutlich trotzdem noch einige Jahre in unseren Köpfen halten.
Doch vielleicht schauen wir zukünftig weniger auf „Basic Fakts“ als darauf, wie die individuelle Situation jeden einzelnen Kindes ist- also: wenn Schubladen und Etiketten wegfallen, müssen wir genauer hingucken: Wer bist du eigentlich Kind?
Ändert sich jetzt alles, was wir bisher über Geschwister und Familien wissen? Ich glaube nicht.
Das, was gleichbleibt sind die Gefühle und Entwicklungen der Eltern bei der Geburt eines weiteren Kindes.
In den ersten Wochen beobachte ich stark die Bemühungen um das ältere Geschwisterkind.
Es soll auf keine Fall Eifersucht aufkommen, die neue große Schwerster oder der große Bruder soll auf jeden Fall liebgewonnene Routinen im Alltag weiter vorfinden, und die elterliche Aufmerksamkeit soll von nun an gerecht auf beide Kider verteilt werden.

Mit hormoneller Unterstützung durch die zurückliegende Geburt gelingt das in den ersten Wochen auch oft erstaunlich gut. Die Sorgen aus der Schwangerschaft: Wie soll ich blos zwei Kindern gerecht werden-treten en bisschen in der Hintergrund- es läuft ganz gut.
Dann endet irgendwann die Elternzeit des anderen Elternteils und die Verantwortung im Alltag liegt zunehmend auf einer Person- meist der Mutter.
Nun ist der Alltag da- mit voller Freunde über (hoffentlich) zwei gesunde Kinder- und auch mit voller Überforderung, Übermüdung und Frustmomenten.
Das Baby braucht Nähe und Ruhe, um sich von der schlafarmen Nacht zu erholen, während das ältere Kind nach dem Frühstück Aufmerksamkeit, Beschäftigung und Struktur sucht.
Das Baby weint, weil es überreizt ist, während das ältere Kind Hilfe beim Anziehen braucht.
Die große Schwester möchte sich das neue Bilderbuch mit dir ansehen, während das Baby gerade auf deinem Arm eingeschlafen ist- und du dich am liebsten gar nicht bewegen möchtest- um es nicht gleich wieder aufzuwecken.
Herausforderung auf allen Seiten: Frust bei den Eltern: So hattest du dir das nicht vorgestellt, du wolltest doch allen gerecht werden.
Frust bei den älteren Geschwistern: Plötzlich müssen sie auf die Erfüllung ihrer Bedürfnisse warten.
Frust beim Baby: Prompte Bedürfnisserfüllung sieht anders aus.
Nicht selten hören Eltern sich dann Sätze sagen wie:
„Psssst, wenn du so laut bist, wird das Baby wieder wach“, oder
„Du kannst die Schuhe auch allein anziehen, du bist doch jetzt die große Schwester“
„Ich kann, jetzt nicht mit die spielen, warte, bis ich deinen Bruder gewickelt habe, ok?“
„Das alte Spielzeug kannst du doch dem Baby geben, du spielst doch schon ganz lange nicht mehr damit“

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Der Alltag fühlt sich manchmal nach permanenter Überforderung an und lässt uns mit diesen Sätzen in Haltungen fallen, die unreflektiert und schnell zum Vorschein kommen, ohne dass wir es wollen.
Eltern wollen alle Bedürfnisse befriedigen- wir verfolgen ja schließlich die bedürfnissorientierte Pädagogik- und stellen früher oder später fest:
DAS IST ILLUSION. Es ist nicht möglich, die Bedürfnisse mehrerer kleiner Kinder zeitgleich zu erfüllen, dabei auch noch die von social Media geforderte ME-TIME zu genießen. Hier Perfektion anzustreben ist ein Kamikaze- Unternehmen, das in Verzweiflung und Burn-out enden kann.
Hilfreich ist es, sich aus dem Anspruch zu lösen. Und zwar schnell. Ältere Kinder lassen sich mit Sätzen wie:
„Oh, nein- du möchtest mit mir das Buch ansehen, ich muss deiner Schwester noch helfen einzuschlafen. Mist. Das ist doof für dich- was wären denn, wenn wir …“
Anstatt das ältere Kind aufzufordern das alte Babyspielzeug doch dem kleinen Bruder zu überlassen, helfen Sätze wie: Stimmt, das ist deine Babyrassel. Dann müssen wir dem Baby sagen, dass es damit nicht spielen kann.
Ein kurzer ungestörten Moment mit dem älteren Kind, indem wir uns trauen, Sätzen zu sagen ,wie:
„Oh, Mensch, seit das Baby da ist musst du ganz schön oft warten, stimmt`s?“
Oder: „Oh, jeh- immer müssen wir so leise sein, damit das Baby nicht aufwacht- manchmal ist das richtig blöd- finde ich auch“,
zeigen den älteren Kindern, dass sie trotz alledem gesehen werden, und wichtig sind. Das geht im Alltag mit jüngerem Geschwisterkind manchmal verloren.
Und schließlich: Erlaube dir, unvollkommen zu sein in deiner Elternrolle. Deine Kinder entwickeln sich nicht am besten, wenn du fehlerfrei handelst, sondern profitieren davon, dass du dich zeigst und das, was du beobachtet und empfindest.
Mehrere Kinder immer mit identischer Aufmerksamkeit zu betreuen ist unmöglich. Feste Bindungsmuster entsteht trotzdem dadurch, wenn wir verdeutlichen- alle Bedürfnisse zumindest zu sehen und zu würdigen.
Letztendlich ist das vielleicht auch der große Vorteil von Geschwistern, den auch aktuelle Studie nicht widerlegen.
Nina Schütte- de Beek
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