Zu weich, zu nett, zu viel?
von Nina Schütte- de Beek @lieblings.eltern
Die derzeitige Diskussion, ob es inzwischen überholt sei, was in Beratungen oder Fachbücher und auf social media jungen Eltern als bedürfnisorientiert vermittelt wird, empfinde ich manchmal ermüdend- manchmal beängstigend. Im Moment eher das zweite.
Es kann doch nicht ernst gemeint sein, was einige „Fachleute“ verbreiten, dass wir zurückwollen zu „lass das Baby ruhig schreien- das stärkt die Lungen“,
oder der Angst vor den Tyrannen, die wir heranziehen, sobald wir versuchen unser zweijähriges Kind verstehen zu wollen, dass sich vor uns auf den Boden wirft, weil es gerade partout nicht die Jacke anziehen will.
Vielleicht ist es zumindest auf social media lediglich dem run um follower und likes zuzuschreiben-provokante Meinungen zu vertreten und zu verbreiten- aber das scheint mir nicht der einzige Grund zu sein. Möglicherweise ist es das Bestreben als Eltern, doch lieber festen und bekannten Boden unter den Füßen zu haben, wenn es ab der Autonomiephase zu tägliche Konflikten mit dem Nachwuchs kommt.
Du kennst das bestimmt: Dein zweijähriges Kind steht im Supermarkt vor dem Regal mit den verlockenden Spielzeugen, zeigt mit großen Augen auf eines und sagt: „Da- Mama“, oder macht auch ohne Worte unmissverständlich klar. „Das will ich haben“.

Die Neigung so zu reagieren, wie du es sehr wahrscheinlich kennengelernt hast, und ganz einfach: „Nein, ich kaufe dir heute kein Spielzeug, du hast genug davon zuhause“, scheint die schnellste und einfachste Reaktion zu sein.

Aber ist es auch klug- und in Hinblick auf die Gegenreaktion des Kindes empfehlenswert, hier nicht bedürfnisorientiert zu sein?
Warum soll es plötzlich wieder falsch sein mit : Oh, dir gefällt der Hund, der so hübsch aussieht- , stimmt`s? Das finde ich auch, und trotzdem nehmen wir den nicht mit nach Hause.
Also: ein klares Nein- verständig und am Wunsch des Kindes orientiert vermittelt. Was soll daran falsch oder verweichlichend sein? Erkläre mir das doch bitte mal jemand.

Den Unterschied und Zusammenhang zwischen Wunsch und Bedürfnis unseres zweijährigen Kindes im Laden zu erkennen, spielt in diesem Zusammenhang übrigens auch eine große Rolle:
Nicht nur für dein eigenes Gewissen, sondern vor allem für die weitere Entwicklung deines Kindes.

Bedürfnisse sind überlebenswichtig. Sie betreffen Dinge wie Sicherheit, Nähe, Nahrung, Schlaf, Zuwendung, Bewegung . Ein Kind, das müde ist, hat ein echtes Bedürfnis nach Ruhe. Ein Baby, das weint, weil es Körperkontakt will, zeigt dir, dass es Nähe braucht, um sich sicher zu fühlen.
Bedürfnisse lassen sich nicht „weg-erziehen“. Wenn du sie erfüllst, lernt dein Kind: Die Welt ist ein sicherer Ort, meine Gefühle sind wichtig, und ich bin geliebt – einfach so, wie ich bin.
Mit den Wünschen sieht das anders aus:
Wünsche drücken aus, wie wir uns gerne fühlen möchten. Dazu braucht es in der Regel einen Gegenstand oder eine Veränderung unseres Umfelds.
Den Hund aus der Spielzeugabteilung, dein Handy zum Spielen, die Fernbedienung. Unsere Zweijährigen sind da in der Regel gar nicht wählerisch: Sie sehen etwas- sie wollen es haben.
Verständlich- und nur ein Wunsch
Und hier kommen bedürfnissorientierte Eltern ins Spiel:
Als Mutter bist nicht die Wunscherfüllerin. Du bist der Bedürfnisversteherin.
Dein Kind weiß nicht, was es wirklich braucht. Noch nicht.
Das lernt es – durch dich.
Und das ist ein sehr zentraler Punkt in der bedürfnisorientierten Pädagogik:
Eltern sollten nun wirklich nicht jeden Wunsch erfüllen, tun jedoch gut daran nach dem Bedürfnis hinter einem Wusch zu suchen.
Und trotzdem: Elternsein ist kein Beliebtheitswettbewerb. Wie gesagt: Das Zweijährige kann nicht unterscheiden: brauche ich das (Bedürfnis)- oder will ich das haben (Wunsch). Dafür sind Eltern erstmal noch zuständig.
“ Der Hund gefällt dir- das verstehe ich- trotzdem können wir den nicht mit nach Hause nehmen“.
oder: „Ich seh, dass du den Lutscher willst. Jetzt gibt’s keinen. Ich versteh, dass dich das ärgert.“
Frustrierend für das Kind- keine Frage und gleichzeitig auch bestätigend: Ich werde gesehen- da hat mich jemand auf jeden Fall verstanden.
Unser zweijähriges Kind muss sich doch erst noch orientieren in unserer Welt und dazu braucht es Menschen, die erklären, was hier geht und eben auch, was nicht.
Nicht hart. Nicht kalt.
Sondern klar. Und liebevoll.
Wie wirkt nun die andere Variante, mit der Eltern reagieren können:
„Den Hund kaufe ich nicht- du hast genug Spielzeug“
„Den Lutsche gibt`s nicht- da musst du auch nicht weinen. Sowas kaufe ich nicht“. Vielleicht noch ein BASTA zum Schluss.
Das Ergebnis für das Kind ist dasselbe: Es geht leer aus. In der letzten Variante, die wir wohl als nicht bedürfnisorientiert definieren würden, findet es sich zusätzlich auch nicht verstanden und alleine auf weiter Flur vor.
Für einen unreifen Organismus mit nur anfänglich ausgereifter Regulationsfähigkeit sicherlich ein Quell an Stress und Überforderung.
Die derzeitige Schreierei nach mehr Grenzen im pädagogischen Mainstream ist also, wie gezeigt völlig unnötig, weil durchaus auch im bedürfnisorientierten Lager auf Grenzen Wert gelegt wird.
Der für unser zweijähriges Kind (und sicherlich auch für das drei, sieben und zwanzig jährige) alles entscheidende Unterschied liegt darin, ob die Grenze als Teil eines allgemein wohlwollenden Gesamtklimas vermittelt werden- oder eben nicht.
Autorin:
Nina Schütte- de Beek ist Pädagogin/Psychologin und Expertin der frühen Kindheit.
Sie berät und begleitet seit 20 Jahren junge Familien in den ersten drei Jahren mit Baby und Kleinkind- hält Vorträge und hostet den beliebten Podcast lieblings.eltern
Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und lebt in der Nähe von Bremen.
nina@lieblingseltern.info

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